Open-Source Tomate Sunviva: Eine kleine Balkonrevolution

Open-Source Tomate Sunviva

Unscheinbar steht die Sunviva auf meiner Fensterbank zwischen vielen unterschiedlichen Tomatenpflanzen: Cocktailtomaten, Fleischtomaten, Johannisbeertomaten. Alle im März ausgesät, recken sie jetzt im April ihre lichtdurstigen Blätter Richtung Sonne. Und doch ist die Sunviva etwas ganz Besonderes: Sie ist Deutschlands erste Open-Source Tomate.

Open-Source Tomate, was heißt das?

Der Begriff Open-Source, was so viel wie offene Quelle bedeutet, ist vielen aus dem Bereich der Informatik bekannt. Das unter Computerwissenschaftlern beliebte Betriebsprogramm Linux, das Datenbankverwaltungssystem MySQL oder der Browser Mozilla Firefox sind nur einige Beispiele von Open-Source Projekten aus der Informatik. Doch was hat dies alles mit der Sunviva Tomate auf meiner Fensterbank zu tun? Die Idee hinter der Open-Source Bewegung ist in ihren Grundzügen in der Informatik und in der Saatguterzeugung die gleiche.

  1. Jeder darf das Saatgut frei nutzen, es vermehren, weiterentwickeln, züchterisch bearbeiten und es im Rahmen bestehender Gesetze weitergeben.
  2.  Niemand darf das Saatgut und seine Weiterentwicklungen mit geistigen Eigentumsrechten wie Patenten und Sortenschutzrechten belegen.
  3. Jeder Empfänger überträgt zukünftigen Nutzern des Saatguts und seinen Weiterentwicklungen die gleichen Rechte und Pflichten.

Was unterscheidet das Saatgut der Open-Source Tomate von konventionellem Saatgut?

Die Regeln für Open-Source Saatgut scheinen so natürlich, dass man kaum glauben kann, dass es auch anders geht. Doch das meiste auf dem Markt käufliche Saatgut unterliegt einer Patentierung durch einen Saatgutkonzern wie z.B. Monsanto, oder Sygenta. Allein sie haben das Recht, das Saatgut der Pflanze zu gewinnen, dieses zu verkaufen und die Pflanze weiterzuentwickeln. Der Saatgutmarkt und parallel zu ihm auch der Markt für Pflanzenschutzmittel konzentriert sich immer stärker. Infolgedessen besteht die Gefahr eines weltweiten Saatgutmonopols. Gut erklärt und veranschaulicht wird diese fortschreitende Monopolisierung in der Grafik und Beiträgen der Heinrich Böll Stiftung.

Grafik: Heinrich Böll Stiftung
Grafik: Heinrich Böll Stiftung

Im Gegensatz zu den großen Konzernen vertritt die Bewegung Open Source Seeds die Meinung, dass Saatgut Gemeingut sein muss. Aus ihrer Sicht sollte jeder Bauer und jeder Gärtner das Recht haben Saatgut für die folgende Ernte zurückzubehalten und so weiterzuzüchten, dass es perfekt an seine Standortbedingungen angepasst ist. So soll die große Vielfalt der Kulturpflanzen geschützt und gefördert werden. Dieses Prinzip ist euch vielleicht schon von unserer Berichterstattung zum Saatgutfestival und über den Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt bekannt. Bisher haben sechs Pflanzen, drei Tomaten und drei Weizensorten, eine Open-Source Lizenz erhalten, die fortlaufend aktualisierte Liste, findet ihr hier.

Fakten zur Tomate Sunviva

Die Sunviva Tomate wurde  im ökologischen Freiland-Tomatenprojekt der Universität Göttingen entwickelt. Da die Sunviva als Freilandtomate gezüchtet wurde, ist sie im Gegenteil zu vielen ihrer wind- und wetterempfindlichen Genossen resistent gegen Braun- und Krautfäule. Vor dieser schlimmen Tomatenkrankheit sind wir bisher verschont geblieben. Wir mussten 2016 nur mit der Blütenendfäule kämpfen. Die Open-Source Tomate Sunviva bildet gelbe Früchte in kurzen gelben Trauben und ist sehr süß und saftig. Wie alle Tomaten braucht die Sunviva nährstoffreichen, humosen Boden und einen sonnigen Standort. Natürlich halten wir euch auf dem laufenden wie sich die Sunviva auf unseren Balkonen macht und wie uns ihre Früchte gefallen.

Wenn ihr neugierig geworden seid und im kommenden Jahr die Sunviva auch auf eurem Balkon einen Platz finden soll, könnt ihr das Saatgut bei CULINARIS Saatgut bestellen. Zwölf Samen der kleinen Balkonrevolution kosten 3,90 Euro.

Wer die Saat hat: gut sortiert in die neue Saison

Der Frühling kommt, die Gartensaison 2018 hat begonnen und am kommenden Samstag, dem 10. März findet im Geschwister-Scholl-Gymnasium in Düsseldorf-Bilk wieder das Saatgutfestival des VEN (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V.) statt! Grund genug für einen Frühjahrsputz in meinem Saatgutschränkchen. Denn die Versuchung, sich bis über beide Ohren neu einzudecken ist unwiderstehlich.

Kriterien für die Sortierung

Ich stelle das Schränkchen auf den Tisch, hole alle Tüten raus und sortiere grob vor. Kriterien sind dabei das Haltbarkeitsdatum (sofern vermerkt), selbstgesammelt, getauscht oder gekauft, Hybrid- oder samenfestes Saatgut. Bereits jetzt wird mir einiges klar und überrascht mich teilweise dann doch. Erstens, die vielen wirklich leeren Saatguttüten… Zweitens die Erkenntnis, dass ich über die Jahre doch auf Bio, vor allem aber überwiegend auf samenfestes Saatgut umgestiegen bin. Denn fast alle Tüten mit Hybrid-Saatgut der gängigen Firmen Kiepenkerl und Sperli sind längst abgelaufen!

Erste Sortierung: Von leeren Tüten über selbstgesammelt zu samenfest und Hybriden
Erste Sortierung: Von leeren Tüten über selbstgesammelt zu samenfest und Hybriden

Samenfest oder Hybrid? Bio oder konventionell?

Ein genauerer Blick auf die Tüte lohnt sich und bringt weitere Erkenntnisse: Bingenheimer Saatgut schreibt explizit, dass keine Hybrid-Sorten geführt werden und dass ohne Gen- und Biotechnologie gearbeitet wird. Auch Dreschflegel arbeitet nach diesen Prinzipien. Eine große Überraschung ist das nicht, denn beide tragen das Demeter-Zeichen, was ein Garant für biologisch-dynamisch erzeugtes Saatgut ist. Überraschender ist der Blick auf den Alnatura Schmetterlingsgruß von dm, denn auch dieser wurde von Bingenheimer Saatgut gestellt! Hinweis auf eine Hybride ist der Zusatz “F1” im Sortennamen. Es ist das Kürzel für “Filialgeneration 1”.

Zu finden ist auch die Kennziffer der jeweiligen Kontrollstelle für das EU-Bio-Siegel. Die Kennziffer setzt sich aus drei Teilen zusammen, etwa DE-ÖKO-007. DE ist die Länderkennziffer für Deutschland, ÖKO steht für ökologische Produktion (auch bio/org/eko) und 007 für die eigentliche Kontrollstelle, hier der Prüfverein Verarbeitung Ökologische Landbauprodukte e.V. in Karlsruhe. Die Einhaltung der EG-ÖKO-Verordnung wird jährlich geprüft. Die Kontrollstellen prüfen häufig auch nach den Richtlinien anderer Ökosiegel, wie Demeter, Bioland oder Naturland.

In den letzten Zügen

Weiterhin erschleicht mich das Gefühl, dass sich nicht alle Fragen, die auftauchen auf Anhieb beantworten lassen. Was ist zum Beispiel mit anderen Firmen, die Bio-Saatgut herstellen, wie de Bolster, die etwa in meinem Biomarkt verkauft werden? Ist in der Bio-Saatgutproduktion auch die Herstellung von Hybrid-Saatgut zugelassen? Im Netz finde ich, dass es sich bei De Bolster um einen Familienbetrieb handelt, der biologisch-dynamisch unter dem Demeter-Siegel arbeitet. Er kauft aber auch Saatgut aus “nur” biologisch arbeitenden Betrieben verkauft. Was heißt das genau? Und wenn wir schon bei Demeter angelangt sind, was ist mit dem Bioland-Siegel? Für’s erste müssen die Fragen hinten angestellt werden – mit Sicherheit werde ich ihnen aber noch nachgehen.

Zu guter letzt merke ich, wie wichtig es ist die Tütchen mit dem Erntejahr des Saatguts zu beschriften! Wie finde ich heraus, ob es noch haltbar ist? Ich lege ganz konkret einen Keimfähigkeitstest an.

Ist das Saatgut noch keimfähig?
Ist das Saatgut noch keimfähig?

 

Test zur Keimfähigkeit
Test zur Keimfähigkeit

Für das Saatgut, das ich bisher in Gläser gesammelt habe, bastele ich noch einfache Saatguttüten aus Schmierpapier.

Schnelle Saatguttüten selbst gemacht.
Schnelle Saatguttüten selbst gemacht.

Zum Abschluss stehe ich wieder dort, wo ich zu Beginn stand: Ich sortiere. Sechs Schubladen habe ich von denen eine immer für Saatgut reserviert ist, das in der laufenden Saison zum Einsatz kommt. Die weiteren fünf teile ich auf wie folgt: (1) Blumen, (2) Salate, Blattgemüse, Lauchgewächse, (3) Wurzelgemüse und Leguminosen, (4) Nachtschattengewächse, Kürbisgewächse und (5) Kräuter. Die Schubladen werden beschriftet, die Tüten wieder einsortiert und fertig: Das Saatgutfest und die neue Saison können kommen!

Sortiert und beschriftet - die neue Saison kann kommen!
Sortiert und beschriftet – die neue Saison kann kommen!

Saatguttüten selbstgemacht

Der Advent hat begonnen, Weihnachten steht vor der Tür. Zufällig habt ihr dieses Jahr mehr Saatgut geerntet, als ihr auf dem Balkon oder im Garten ausbringen könnt oder Samen einer besonders tollen Pflanze gesammelt. Wie wäre es da mit einem ganz persönlichen Geschenk für Familie und Freunde: Selbstgebastelte Saatguttüten. Geht auch ganz einfach – versprochen!

 

Bastelanleitung für eine Saatguttüte aus Papier

Eigentlich braucht ihr dazu nur ein quadratisches Stück Papier. Wenn ihr wollt, könnt ihr Papier mit einem besonderen Muster, Zeitungspapier oder eine Seite aus einer Zeitschrift verwenden. Man kann auch einfach ein A4-Blatt zu einem Quadrat schneiden (21 x 21 cm). Die Saatguttüte wird dann etwa 10 x 10 cm groß.

  1. Zuerst wird das Papier über die Diagonale zu einem Dreieck gefaltet.
  2. Entlang der Faltkante werden die Spitzen des Dreiecks von links und rechts zur Mitte gefaltet. Die eingefalteten Spitzen liegen jetzt aufeinander und die Breite des Dreiecks wird durch die neuen Faltkanten „gedrittelt“.

3. Eine Papierspitze wird jetzt in die andere hineingesteckt (etwa die linke in die rechte).

4. Das Papier sieht jetzt aus wie „das Haus vom Nikolaus“. Die Spitze, die nach oben ragt, kann man jetzt auseinander schieben und Saatgut einfüllen.

5. Danach die Spitze nach unten falten, das Papierquadrat zukleben und fertig!

 

Durch einfache Gestaltung zum persönlichen Geschenk

Natürlich kann man die Saatguttüten einfach halten, schnell beschriften und fertig. Man kann sie auch noch verzieren, z.B. bemalen oder bekleben mit Masking Tape oder Vielliebchen. Goldene Vielliebchen habe ich z.B. im cob concept store in Essen gekauft. Für die Beschriftung habe ich mit dem PC eine Vorlage erstellt, sodass die einzelnen Schriftzüge nach Ausdruck und Falten auf der Saatguttüte an der gewünschten Stelle stehen.

Pikieren – wie geht das?

Pikieren ist nicht schwer

Auf dem Fensterbrett wird es immer grüner: Das Saatgut geht auf, kleine Pflänzchen wachsen, grüne Blätter bilden sich. Hat man sich nach dem Säen erst mal entspannt zurücklehnen können, keimt nun der Gedanke: „Ich muss pikieren!“ Länger lässt es sich jedenfalls nicht mehr aufschieben… Wann ist der richtige Zeitpunkt? Die Keimblätter sollten auf jeden Fall voll entfaltet sein. Je nach Kulturart kann das bereits sieben bis zehn Tage nach der Aussaat der Fall sein. Ich warte in der Regel, bis sich noch ein Satz regulärer Blätter entwickelt hat. Auf jeden Fall sollte man pikieren ehe die Pflänzlein miteinander um Licht und Boden konkurrieren. Durch das Pikieren bekommen sie mehr Platz und können sich kräftig weiterentwickeln.

Salat und Tomate müssen dringend pikiert werden!
Salat und Tomate müssen dringend pikiert werden!

 

Was braucht man zum Pikieren?

Zum pikieren braucht man:

  • Viele kleine Töpfe mit einem Loch im Boden(Joghurtbecher oder halbe Tetrapaks funktionieren auch),
  • Torffreie (Gemüse-)erde (denn im Gegensatz zur Anzuchterde brauchen die Pflanzen ab jetzt Nährstoffe),
  • einen Pikierstab (alternativ ein Essstäbchen, einen Bleistift oder einen alten Kugelschreiber),
  • eine Pflanzendusche (kann man auch aus einer PET-Flasche basteln) oder eine kleine Gießkanne,
  • einen permanenten Marker und Klebeband oder z.B. Wäscheklammern zum Beschriften der Pflanzen
  • und viel Geduld!

Am besten ist es, bei bewölktem Himmel und bei wenig Wind zu pikieren. Schließlich sollen die Pflanzen nicht gleich austrocknen.

Die Helden des Pikieren: Töpfe, Essstäbchen, Stift, Klebeband, Pflanzendusche in Paprikaform. Nicht zu sehen: Erde.
Die Helden des Pikieren: Töpfe, Essstäbchen, Stift, Klebeband, Pflanzendusche in Paprikaform. Nicht zu sehen: Erde.

 

Nur die Starken…

…ihr wisst schon. Das Prinzip gilt bereits beim Pikieren. Sicherlich habt ihr mehr Pflanzen ausgesät, als ihr auf Eurem Balkon pflanzen könnt. Das ist ganz normal – mir passiert das jedes Jahr! Ihr müsst jetzt aber hart bleiben und Euch die starkwüchsigsten und kräftigsten Pflanzen aussuchen. Schließlich sollen sie später auf dem Balkon nicht vor sich hin kümmern. Mir fällt das sehr schwer. Häufig suche ich mir eine aus für den Balkon und (für den Fall der Fälle, natürlich) noch etwa fünf weitere, die ich zusammen in einen etwas größeren Topf setze. Vielleicht will ich noch welche verschenken?

Sechs vereinzelte Tomatenpflanzen mit Wurzeln...
Sechs vereinzelte Tomatenpflanzen mit Wurzeln…

 

Wie geht das jetzt, das Pikieren?

Entweder ihr holt die Pflanzen vorsichtig und mithilfe des Pikierstabs einzeln aus dem Topf oder ihr löst eine ganze Gruppe. Holt ihr sie einzeln aus dem Topf, stecht ihr mit dem Pikierstab nahe der Pflanze ein und löst ganz vorsichtig Erde und Wurzeln. Als nächstes kürzt ihr die Wurzeln der ausgesuchten Pflanzen um etwa ein Drittel auf eine Länge von zwei Dritteln mit den Fingernägeln ein. Das Einkürzen ist gut, denn es regt das Wurzelwachstum an. Als nächstes füllt ihr einen kleinen Topf mit der Erde. In die Mitte des Topfes macht ihr mit dem Pikierstab ein Loch. In dieses Loch senkt ihr die Pflanze mit den Wurzeln zuerst (natürlich!). Wichtig ist, dass die Wurzeln nach unten zeigen. Tun sie das nicht, verzögert es das Wurzelwachstum. Manchmal helfe ich mit dem Pikierstab (oder Essstäbchen) vorsichtig etwas nach. Vorsichtig mit den Fingern die Erde andrücken und fertig! Jetzt nur noch gießen, zum Beispiel mit einer Pflanzendusche. Solltet ihr doch eine Gießkanne nutzen, empfiehlt es sich das Wasser über Eure Hand laufen lassen, damit das Wasser die kleinen Pflanzen nicht gleich „erschlägt“. Die Töpfe sollten jetzt auch nicht in die pralle Sonne gestellt werden!

...die hier schon eingekürzt worden sind.
…die hier schon eingekürzt worden sind.

 

Die frisch pikierten Pflanzen in ihren Töpfen - ein paar setze ich als Absicherung zusammen in größere Töpfe.
Die frisch pikierten Pflanzen in ihren Töpfen – als Backup setze ich einige als Gruppen in größere Töpfe.

 

Wie tief setze ich die Pflanzen?

Das hängt ganz von der Kulturart ab. Salat oder Fenchel werden etwa nicht zu tief pikiert. Sie können im Topf ruhig umkippen. Pflanzen, die am Stamm noch Wurzeln ausbilden (z.B. Tomate) können tiefer gesetzt werden. Kürbis und Bohnen müssen nicht pikiert werden, denn sie werden direkt in einzelne Töpfe gesetzt. Je nachdem, was ihr gesät hat, lohnt sich hier vorab ein wenig Recherche.

So, jetzt nur noch beschriften und dann könnt ihr erst mal wieder durchatmen. Denn jetzt können die Pflanzen weiterwachsen und gedeihen. Für viele ist es eh noch zu kalt, um sie auszupflanzen. Das passiert dann erst etwa Mitte Mai, nach den Eisheiligen…

Veranstaltungstipp: Saatgutfestival Düsseldorf

Saatgutfestival Düsseldorf

Pünktlich zum Frühlingsanfang, wenn das Aussäen und Vorziehen beginnt, findet das Saatgutfestival Düsseldorf statt. Für Sarah und mich ist diese Veranstaltung seit mehreren Jahren ein fester Termin – geradezu ein kleiner Feiertag. Damit auch ihr die Chance bekommt, das Saatgutfestival zu besuchen, hier die Vorbesprechung von Von & Zu Grün.

Saatgutfestival Düsseldorf: Was steckt dahinter?

Vielfalt, Ökologie und Umweltschutz, das sind die drei zentralen Themen, die auf dem Saatgutfestival Düsseldorf im Mittelpunkt stehen. Das Ziel der Veranstaltung ist es Hobbygärtnern, Terrassenbesitzern und Balkonbegrünern Zugang freiem Saatgut zu ermöglichen. Zahlreiche Vereine, Privatleute und Initiativen bieten alte, in Vergessenheit geratene Sorten an. Darüber hinaus wird nicht nur Saatgut, sondern auch eine Menge Wissen über den Anbau und den Erhalt von Nutzpflanzen weitergegeben. Das Saatgut, das auf dem Festival gegen eine kleine Spende erworben werden kann, ist von keinem großen Saatgut-Hersteller wie Monsanto oder Bayer lizensiert und kann ohne Probleme weiter vermehrt werden. Es handelt sich um samenfeste Sorten und keine Hybrid-Pflanzen, weshalb die Pflanzen auch in der nächsten Generation ihre Merkmale behalten.

Saatgutfestival Düsseldorf: Freies Saatgut für private Gärtner
Tomatensamen beim Trocknen

Was bietet das Saatgutfestival Düsseldorf?

Das Saatgutfestival Düsseldorf beginnt in diesem Jahr mit einem Gesangs-Flashmob der Gruppe  EcoMujer. Mit Witz soll das Thema Patent auf Leben besungen werden. Anschließend geht es  mit der Eröffnung des „Markt der Vielfalt“ ans Eingemachte: Hier stellen sich zahlreiche Initiativen und Gruppen vor, die das Thema Umwelt und Vielfalt verbindet. Wer in seiner Freizeit noch nicht gesellschaftlich organisiert ist, bekommt hier viele, spannende Einblicke und Tipps. Darüber hinaus wird von vielen Gruppen Saatgut für Pflanzen in allen Variationen und Formen angeboten  – alles natürlich samenfest.

Des Weiteren wird das Saatgutfestival Düsseldorf durch zahlreiche Vorträge und kleinen Workshops geprägt. Wie jedes Jahr ist auch 2017 das Programm bunt und abwechslungsreich. Zu den Themen in diesem Jahr gehören:

  • „Wer die Saat hat, hat das Sagen. Warum wir das Saatgut wieder in unsere Hände nehmen müssen“, vorgetragen von der Autorin und Saatgut-Aktivistin Anja Banzhaf.
  • „Gärtnern auf kleinstem Raum – Gemüseanbau auf dem Balkon und im Garten für Anfänger*innen“ von Eva Rödingen des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzen. Natürlich für uns Balkonverrückte ist dieser Vortrag ein Muss.
  • Der Schutz der Bienen steht bei Dorothea Schulte des Naturgarten e.V. im Mittelpunkt. In ihrem Vortrag „Blühende Landschaften, öffentliches „Bunt“ und Naturgärten“ erklärt sie wie wir Wildbienen und Co schützen können. Wenn, ihr jetzt schon mehr über Wildbienenschutz erfahren wollt, empfehlen wir euch unseren Artikel„Pflanzt das Frühlingsbuffet für unsere Bienen!“ .

Hunger und Durst muss auf dem Saatgutfestival Düsseldorf auch niemand leiden. Es gibt Kaffee und Kuchen sowie eine mobile Schnippelküche der Slow Food Youth und der Nachbarschaftsinitiative Leben findet Stadt. Darüber hinaus gibt es auch für Kinder viel zu erleben, anzufassen und auszuprobieren: Vom Gemüse filzen bis zum  Geschmacksrätsel ist alles dabei.

Principe Borghese
Principe Borghese

Wer organisiert das Saatgutfestival Düsseldorf?

Organisiert wird die Veranstaltung von einer Arbeitsgruppe, die sich aus ehrenamtlichen Initiativen und Vereinen zusammensetzt. Hier eine kleine Übersicht über die Organisatoren:

Ökotrop Heerdt e.V. : Wie kann der Mensch seinen Lebensraum so gestalten, dass er sowohl für Mensch und Natur gleichsam lebenswert ist? Diese Frage haben sich die Gründer des Ökotrop Heerdt gestellt und ein Pilotprojekt gegründet, das eine Wohnsiedlung, naturnahe Freiräume und ein Naturbildungszentrum miteinander verbindet.

Düsselgrün: Auf der Suche nach einer kleinen grünen Oase und der Möglichkeit Essbares in der Stadt anzubauen, haben sich in Düsseldorf Bürger zu dem Gemeinschaftsgarten-Projekt Düsselgrün zusammengeschlossen. Ihr Garten ist auf einem Teil des WGZ-Bürgerparks an der Stahlwerkstraße, direkt hinter dem HBF Düsseldorf zu finden.

VEN: Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt setzt sich dafür ein samenfeste Sorten zu erhalten. Anstatt großen Saatgut-Monopolisten das Feld zu überlassen, organisiert der Verein Pflanzenpaten, organisiert Workshops und gibt das Wissen über alte Sorten weiter.

Transition Town Initiative Düsseldorf: Die Transition Town Bewegung möchte die Dinge anpacken, die die Politik vernachlässigt: Klimawandel und Rohstoffknappheit. Zusammen arbeiten weltweit kleine Initiativen ein Gegengewicht zur kapitalistischen Gesellschaft zu schaffen.

Leben findet Stadt: Die Stadt lebenswerter und nachhaltiger machen, dass ist das Ziel von Leben findet Stadt. Die Düsseldorfer Nachbarschaftsinitiative bietet viele tolle Workshops an, von der Wurmkiste bis zum Buchbinden.

Daten und Fakten

  • Wann: Samstag 11. März 2017
  • Wo: Geschwister-Scholl-Gymnasium Düsseldorf, Redinghovenstraße 41, 40225 Düsseldorf
  • Eintritt: 2 Euro, Kinder haben freien Eintritt
  • Website: www.saatgutfestival.de

Saatgut II – Der Test zur Keimfähigkeit

Es ist soweit: Die Saison 2017 geht bald wieder los! In vielen Schraubgläsern, Briefumschlägen oder Filmdosen wartet das gesammelte Saatgut des Vor- oder sogar Vorvorvorjahres. Ist es überhaupt noch keimfähig? Hier hilft ein relativ einfacher Test. Und der geht so:

Gläser mit selbstgeerntetem Saatgut aus dem Vorjahr

 

Man braucht: Saatgut, Küchenkrepp, Teller, Klarsichtfolie, Kreppband, permanenter Marker.

  1. Zunächst nimmt man etwas Küchenkrepp, feuchtet es an und legt es auf einen Teller. In Gruppen geordnet, legt man auf das Küchenkrepp das Saatgut, das man testen möchte, ohne dass sich die Samen berühren (mindestens jeweils 20 Samen).

2. Damit man später nicht ins Schleudern kommt und stets die Übersicht bewahrt sollte man nach Möglichkeit die Proben z.B. mit Kreppband und permanentem Marker beschriften.

Teller mit Saatgut
Teller mit Saatgut

 

3. Der Teller mit Küchenkrepp und Saatgutproben wird als nächstes mit Klarsichtfolie überspannt und an einen warmen Ort gestellt. Jetzt wird geduldig gewartet…

4. Je nach Art, wird nach einigen Tagen oder Wochen erstmalig kontrolliert. Sieht man eine Wurzelspitze oder einen Spross, ist das Saatgut, naja, keimfähig. Da nicht alle Samen gleichzeitig keimen, empfiehlt es sich nach ein paar weiteren Tagen nochmals nachzuschauen.

Das Saatgut nach vier Tagen: Rote Melde, Salat, Tomate und Löwenmäulchen sind gut aufgegangen.
Der Keimtest nach vier Tagen: Rote Melde, Salat, Tomate und Löwenmäulchen sind gut aufgegangen.

 

5. Ist alles aufgegangen, was aufgehen kann, wird das Verhältnis gekeimte zu ungekeimte Samen ausgezählt. Daraus ergibt sich die Keimfähigkeit in Prozent: Keimen 50 aus 100 Samen, hat das Saatgut eine Keimfähigkeit von 50%.

Die Saatgut Keimfähigkeit: Bis auf die Chili sind von allen Arten Samen gut gekeimt.
Der Keimtest nach einer Woche: Bis auf die Chili sind von allen Arten Samen gut gekeimt.

 

Sollte das Saatgut nicht keimen, empfiehlt es sich nochmal nachzulesen und zu forschen. Denn schließlich reicht für manche Arten ein kurzer Zeitraum und eine niedrige Keimtemperatur, andere brauchen wesentlich länger und höhere Temperaturen.

Bei mir sind etwa Rote Melde, Salat und Löwenmäulchen bereits nach etwa 3 bis 4 Tagen aufgegangen. Glockenpaprika und Tomate waren etwas langsamer und haben 2 bis 3 Tage länger gebraucht. Das deckt sich mit meiner Recherche: In der Tat ist es so, Dass etwa Paprika und Tomate mehr Zeit brauchen, um zu keimen (ca. 1 bis 2 Wochen), als etwa Lichtkeimer. Doldenblütler brauchen angeblich sogar 3-4 Wochen!

Nicht aufgegangen ist die Chili „Lila Luzie“, was mich nach den Erfolgen des Vorjahres sehr verwundert hat. Wie die Paprika, gehört sie zur Gattung Capsicum. Ich vermute, sie braucht eine besonders warme Umgebung und einfach noch mehr Zeit. Bei meiner Recherche im „Handbuch für Samengärtnerei“ von Andrea Heistinger wird eine zweite Art vorgeschlagen, wie man Saatgut auf seine Keimfähigkeit testen kann.

Man braucht: Küchenkrepp, Kunststofftüte, Kreppband, permanenter Marker

1.Mindestens 20 Samenkörner (besser 100) auf einem nassen Stück Küchenkrepp ausgebreitet ohne sich zu berühren.

2. Das Küchenkrepp wird zusammengerollt und in eine Plastiktüte mit Luftlöchern gepackt. Achtung: Auch hier am besten mit Art, Sorte und Datum beschriften.

3. Die Tüte wird an einem warmen Ort bei 20 bis 25°C verwahrt.

4. Auch bei diesem Test wird je nach Art nach einigen Tagen oder Wochen erstmalig kontrolliert. Alles weitere, siehe oben ab 5.

Das werde ich wohl in den nächsten Tagen bei der Chili ausprobieren. Auch Euch wünsche ich viel Erfolg bei Eurem eigenen Keimtest! Rückmeldungen und Anregungen sind immer willkommen.

Tschüß Tomaten – Willkommen Winterportulak!

Die Tomaten- und Gurkensaison ist endgültig beendet. Die letzten grünen Exemplare sind in den Schuhkarton in der Küche gewandert, wo wir sie zum Nachreifen lagern. Die Pflanzen sind zerkleinert worden und mein Gärtner hat den Grünschnitt für mich weggebracht. Ganz schön traurig sieht mein Lieblingsplatz jetzt aus. Doch lange soll mein Balkon nicht kahl bleiben, denn in diesem Jahr zieht zum ersten Mal eine essbare Winterbepflanzung in die verwaisten Töpfe. Tschüß Tomaten – Willkommen Winterportulak!

Die letzte Tomatenernte

Feldversuch – essbare Winterbepflanzung

Winterportulak ist nur einer der vielen Namen, die der neue Bewohner auf meinem Balkon trägt, er ist auch bekannt als gewöhnliches Tellerkraut oder Postelein. Ich habe die Sorte „Montia Perfoliata“ ausgesät, die für den Winteranbau geeignet ist. Auch wenn ich mit meiner Aussaat etwas spät dran bin, hoffe ich, dass ich aufgrund milder Witterungsverhältnisse auf meinem Südbalkon gute Ergebnisse erzielen werde. Die Samen sind in zwei Behältnisse gewandert: den Terrakotta-Kasten in dem ich zuvor Kopfsalat gezogen habe und einen großen Topf indem zuvor die Tomate Blackplum zuhause war. Die Erde des Salatbehältnisses habe ich nur von den größten Wurzeln befreit und mit etwas neuer Erde versorgt, da sowohl Kopfsalat, als auch Portulak zu den Schwachzehrern gehören, sollten noch genug Nährstoffe im Boden stecken. Beim Tomatenbehältnis war ich mit der Aufarbeitung der Erde etwas großzügiger und habe mehr neuen Boden dazugegeben, schließlich hat die Tomate als Starkzehrer ordentlich zulangt. Der Winterpostelein soll sowohl als Salat, als auch als Spinatgemüse genutzt werden können. Neben einer Ernte bis in den späten November hinein, überwintert der Winterportulak auch und kann noch mal im Frühjahr beernet werden, bevor er in die Blüte geht und neues Saatgut gewonnen werden kann.

Saatgutvielfalt auch im Winter

Das Saatgut für den Winterportulak habe ich im Frühjahr auf der Saatgutbörse in Düsseldorf gegen eine kleine Spende erhalten. Es stammt von dem Verein Bergische Gartenarche, der sich für die Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt einsetzt. Gegründet wurde die Bergische Gartenarche Anfang der 2000er durch Initiative der bekannten Autorin Marie-Luise Kreuter, deren Buch „Der Bio-Garten: der praktische Ratgeber für den naturgemäßen Anbau von Gemüse, Obst und Blumen“ zu den absoluten Standardwerken im gartenaffinen Bücherregal gehört. Mehr als 1000 Paten erhalten und züchten für den Verein alte Nutzpflanzen in ihren Gärten und gewinnen das Saatgut, um es mit anderen Gärtnern zu tauschen. Jedes Frühjahr sucht der Verein neue Paten im Bergischen Land, um die Artenvielfalt zu erhalten. In diesem Jahr haben z.B. die Buschbohne Onkel Friedrich oder die Erbse Alte Weiber neue Kümmerer gefunden.

Spinat – ein winterfester Liebling

Neben Winterportulak habe ich auch noch Spinat der Sorte „Verdil“ ausgesät. Da diese Spinatsorte auch noch bis 2°C keimt, bin ich frohen Mutes, dass es noch was werden könnte. Sollte es leider doch zu spät gewesen sein, habe ich auch im März noch mal eine Chance, da ich den Spinat als Winter- und Frühjahrkultur nutzen kann. Untergekommen ist der Spinat in dem Topf des wunderbaren Algiersalats, der mich mit seiner lila Blüte noch bis spät in den September begeistert hat. Die Spinat-Sorte Verdil soll große kräfige Blätter ausbilden und starken Wachstum aufweisen. Da das Saatgut von Demeter stammt, besteht auch hier die Möglichkeit der eigenen Nachzucht.

Spinat zur essbaren Winterbepflanzung

Jetzt heißt es in den nächsten Wochen warten und regelmäßig die Erde feucht halten. Wenn es nicht gelingen sollte, werden im Frühjahr sowie im kommenden Winter neue Versuche gestartet, denn von kleinen Misserfolgen lasse ich mich doch nicht aufhalten. Das Experimentieren, Wiederholen und Nachforschen ist eine der größten Freuden des Balkongärtner-Daseins. Während ich auf die ersten kleinen Pflänzchen warte, genieße ich noch den Blick auf die letzten Blüten in diesem Jahr, die noch einmal ihr Bestes geben, bevor Herbst und Winter endgültig die Überhand gewinnen.

Zitronen-Tagetes in den letzten ZuegenDie letzten Blueten

Samengärtnerei Teil 1 – Saatgut von Tomaten und Salat ernten

Dass ich mich über den schönen Salat auf meinem Balkon dieses Jahr gefreut habe, hatte ich ja bereits in der Zwischenbilanz zum Balkonjahr 2016 geschrieben. Als er dann schoss, war die Enttäuschung nur von kurzer Dauer. Warum? Es war der perfekte Zeitpunkt, mit einer kleinen Samengärtnerei zu beginnen. Schließlich war der Salatkopf, der aus dem kleinen Pflänzchen vom Biostand entwickelt hatte, ertragreich, lecker, ergiebig und gesund gewesen. Beste Voraussetzungen also!

Doch wie fängt man am besten an? Durch die Recherche habe ich inzwischen ein bisschen dazugelernt. Für Anfänger eignen sich Selbstbestäuber gut. Diese Pflanzen tragen weibliche und männliche Organe auf derselben Pflanze, entweder in getrenntgeschlechtlichen Blüten oder durch „Zwitterblüten“. Sie bestäuben sich, nun ja, selbst. Es kommt es zu keiner Fremdbestäubung und somit zu keiner „Verkreuzung“. Die Pflanzen sind in der Weitergabe ihrer Eigenschaften also sehr stabil. Zu den Selbstbestäubern gehören etwa Bohnen (mit Ausnahme der Feuerbohne), Tomaten und Salat.

Samengärtnerei für Fortgeschrittene: Die Fremdbestäuber

Fremdbestäuber benötigen hingegen mindestens zwei Pflanzen der gleichen Art, um sich fortpflanzen zu können. Unter den Fremdbestäubern gibt es Arten, die sowohl die weiblichen als auch die männlichen Geschlechtsorgane aufweisen und somit zwittrig sind. Aber es gibt auch Fremdbestäuber, die rein männliche und weibliche Pflanzen hervorbringen. Beide Formen der Fremdbestäuber setzen jedoch voraus, dass die weiblichen Pflanzenteile (Narbe) durch die Pollen einer zweiten, männlichen Pflanze der gleichen Art bestäubt werden. Das Erbgut dieser zwei Pflanzen mischt sich. Das passiert viel bei Kreuzblütlern, Doldenblütlern und Kürbisgewächsen. Durch die Fremdbefruchtung kann es in der Folgegeneration durchaus zu Überraschungen kommen: Sortenspezifische Eigenschaften oder Eigenschaften wegen derer die Pflanze oder Frucht für die Saatguternte ausgesucht worden ist, können verloren gehen. Die Pflanzen können schlichtweg ungenießbar werden. Die Vermehrung fremdbefruchteter Pflanzen ist nicht unmöglich, aber trickreich und erfordert Vorkenntnisse und Erfahrung. Zu fremdbefruchteten Pflanzen gehören etwa Pastinaken, Zwiebeln, Kohl oder Möhren.

Weiterhin sind einjährige Pflanzen leichter zu vermehren als zweijährige, da Letztere erst im zweiten Jahr blühen.

Die Bedeutung von „samenfest“ und „Hybrid“ für die Samengärtnerei

Soweit so gut. Aber jetzt nochmal etwas genereller gefragt, welches Saatgut sich eignet. Es muss auf jeden Fall samenfest sein. Samenfest bedeutet ganz einfach, dass die Pflanzen traditionell vermehrt werden kann, also z.B. durch Insektenbestäubung. Sie gibt ihre sortenspezifischen Eigenschaften an Folgegenerationen weiter und ihr Saatgut kann im Garten und in der Landwirtschaft weiter verwendet werden.

Im Gegensatz dazu stehen die Hybriden („Mischlinge“). Ziel der Hybridzüchtung ist es, eine möglichst reinerbige Pflanze mit den gewünschten Eigenschaften zu erhalten. Der Aufwand ist größer als man denkt. Denn zunächst werden durch mechanisch gesteuerte Selbstbefruchtung über mehrere Pflanzengenerationen hinweg zwei nahezu reinerbige Elternpflanzen mit einer genetisch sehr engen Basis gezüchtet. Die Linie der Mutterpflanze und die der Vaterpflanze werden dabei streng getrennt. Da diese Pflanzen durch die Inzucht genetisch degeneriert sind, sind sie für den landwirtschaftlichen Anbau nicht geeignet. Kreuzt man sie jedoch, bringt die Tochtergeneration Pflanzen hervor, die die gewünschten Eigenschaften besonders stark ausprägen, wie etwa Wuchsfreude oder Ertrag. Diese Generation ist die „1. Filialgeneration“ (lat. filia = Tochter), daher die Bezeichnung F1-Hybriden. In der darauffolgenden Generation gehen die erzielten Eigenschaften jedoch schon wieder verloren. Deshalb eignet sich das Saatgut von Hybriden nicht für die Weiterverwendung. Und Achtung: Auch Bio-Gemüse aus dem Handel kann von Hybriden stammen!

Zu diesem Zeitpunkt möchte ich nur soviel dazuschreiben, wie für angehende Samengärtner als Hintergrund praktisch und gut zu wissen ist. Die großen Experten würden mir vermutlich hinsichtlich Kürze und Korrektheit der Darstellungen an den Hals gehen. Die Diskussion um Saatgut, samenfest, Hybriden, das für und wider ist jedenfalls sehr interessant, umfangreich und geht weit zurück. Angesichts der Jahreszeit und der reifen Früchte auf dem Balkon möchte ich sie euch und mir jedoch zu diesem Zeitpunkt ersparen und an einem langen Winterabend nochmal darauf zurückkommen.

Also, einjährige, selbstbefruchtende, samenfeste Pflanzen eignen sich gut für Anfänger. Die Klassiker sind Tomate und Salat, die ich (aufgrund meiner eigenen noch eingeschränkten Aktivität als Samengärtnerin) hier auch als Beispiele nehmen will. Das wichtigste ist, das es zunächst schlicht um Vorlieben geht. Was sind die schönsten, leckersten Früchte, was sind die ergiebigsten, gesündesten Pflanzen? Sucht sie euch aus, markiert sie für die spätere Samenernte mit einem Bindfaden.

Tomaten

  1. Die reifen Früchte werden mit einem Messer halbiert. Die Samen aus den Tomatenhälften in ein Glas drücken oder sie mit einem Löffel herauskratzen. Saft und Fruchtfleisch kann gerne mit dabei sein. Dass für jede Tomatensorte ein separates Glas verwendet wird, versteht sich ja wohl von selbst! Am besten gleich von Anfang an auch entsprechend markieren/beschriften.
Halbierte Tomaten: Berner Rose, Black Plum, Principe Borghese
Halbierte Tomaten: Berner Rose, Black Plum, Principe Borghese

 

2. Wasser und ein kleines bisschen Zucker zu den Samen geben. Das Glas offen stehen lassen und gelegentlich umrühren. Bildet sich Schimmel im Glas: Keine Sorge, ein bisschen ist nicht schlimm.

Mit Tomatensamen frisch aufgesetzte Gläser
Mit Tomatensamen frisch aufgesetzte Gläser

 

3. In den folgenden Tagen (ca. zwei bis drei) löst sich die gallertartige Masse, die die Samen umgibt. Das Fruchtfleisch steigt im Wasser nach oben während die Samen unten im Glas liegenbleiben. Der Vorgang ist nun abgeschlossen.

4. Das Wasser kann zusammen mit dem Fruchtfleisch bequem abgegossen werden. Anschließend kann man das Glas nochmals mit Wasser füllen und sobald sich die Samen am Boden abgesetzt haben wieder abgießen (dauert nur ein paar Minuten). Der Vorgang kann wiederholt werden, bis das Wasser im Glas klar ist.

5. Die Samen zum Trocknen gut voneinander getrennt auf einem Stück Küchenrolle oder einem Kaffeefilter verteilen. Nach dem Trocknen in ein Glas oder eine Tüte abfüllen und beschriften (Gattung, Sorte, Art, Erntejahr, ggf. Herkunftsort).

Tomatensamen beim Trocknen
Tomatensamen beim Trocknen

 

Salat

  1. den schönsten Salatkopf lässt man erstmal schiessen.
  2. Aus der Blüte bilden sich kleine Samen mit flauschigem Schirm, die ähnlich aussehen, wie beim Löwenzahn.
Die Samenstände eines Salats
Die Samenstände eines Salats

 

4. Wenn sie so trocken sind, dass die Blütenstände zwischen den Fingern zerfallen, kann man sie ernten. Ich habe die Samenstände einzeln gepflückt und dabei etwas zwischen den Fingern zerrieben, sodass sich der Samen von den Blütenresten schon mal löst. Experten sagen, bei trockenem Wetter kann man auch den Pflanzenstengel herunterbiegen und ausschütteln. Die Samen werden dann in einer Kiste oder Tasche gesammelt.

Frisch gesammelte Salatsamen, hier noch mit Blütenresten
Frisch gesammelte Salatsamen, hier noch mit Blütenresten

 

5. Die Samen ein paar Tage in einem offenen Gefäß und flächig ausgebreitet trocknen lassen.

6. Dann auf ein großes Blatt Papier oder ein Backblech legen und ganz (ganz!!) vorsichtig pusten. Die trockenen Blütenreste werden so von den Samen getrennt.

Samengärtnerei: Nach dem "Wind"
Nach dem „Wind“

 

7. Auch hier die Samen in ein Glas oder eine Tüte füllen und für nächstes Jahr gut beschriften.

So, das war schon mal ein kleiner Einstieg. Es ist schon erstaunlich, wieviel Saatgut man aus einer kleinen Pflanze auf dem Balkon gewinnen kann. Wie sind eure Erfahrungen mit der Saatguternte? Was funktioniert gut, was nicht so gut? Wir freuen uns auf eure Rückmeldungen!

 

Gute Quellen für Infos und Tipps zur Samengärtnerei sind:

Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V., www.nutzpflanzenvielfalt.de

Infoblätter des Dachverband Kulturpflanzen und Nutztiervielfalt e. V., http://kulturpflanzen-nutztiervielfalt.org/materialien

Das Buch „Saatgut – wer die Saat hat, hat das Sagen“ (Anja Banzhaf, oekom) bietet einen umfassenden Einblick in die Diskussion rundum das Thema Saatgut und Portraits vieler schöner Projekte.