Scholle für eine Saison – ein Selbstversuch

Das erste Mal, dass ich von vorbestellten Ackerstreifen á la Meine Ernte oder Ackerhelden hörte, war ich zwiegespalten. Eine geniale Idee für Berufstätige und alle, die nur wenig Zeit investieren wollen und/oder können und/oder wenig Ahnung vom Gärtnern haben. ABER: Eigentlich will ich doch alles oder nichts, im Schweiße seines Angesichts die eigene Scholle umgraben, den Boden vorbereiten, säen, jäten, pflegen und die Früchte meiner harten Arbeit ernten! Attraktiv ist, dass einem durch die Vorbestellung ein guter Teil der Arbeit abgenommen wird sowie der relativ geringe Aufwand den man betreiben kann, um sich zu einem recht guten Preis eine Saison lang mit eigenem Gemüse zu versorgen. Zudem erlebt man anhand der eigenen Erfahrung die Saisonalität von Gemüse. Der Balkon platzt aus allen nähten – das Vorhaben kann auch als eine Vorstufe zu einem eigenen Garten gesehen werden.

Es kam, wie es kam, zu Beginn des Jahres fragte dann eine Freundin an. Nun teilen wir uns zu fünft einen vorbestellten Ackerstreifen von 50 qm. Die Pragmatikerin in mir gewann: 30 Minuten Fahrzeit für eine Strecke mit dem Rad vs. knapp eine Stunde zum nächstgelegenen Biohof der das gleiche in, nun ja, bio anbietet. Unschlagbar, wenn man bedenkt, dass man auf dem Acker auch noch aktiv werden will! Zudem wollte ich der weitverbreiteten städtischen Vorstellung von Landwirtschaft etwas entgegensetzen, die sich oftmals gedanklich zwischen den Extremen idyllischer, (vermeintlich) perfekter Biohof und Massenanbau/-tierhaltung bewegt und dem Mittelmaß wenig Raum bietet.

Es ist also nun das Projekt „Feldfreunde“ vom Oberschuirshof im Essener Südwesten geworden. Ähnlich vielen Höfen, die eine Lage in direkter Nähe zu einem urbanen Raum wie dem Ruhrgebiet haben, hat auch der Betrieb von Familie Weber viele Standbeine: mit 60 ha Ackerfläche, einem Schweine- und Geflügelhof, Hofladen und dem Projekt „Feldfreunde“ nennt er sich einen „Bauernhof zum Anfassen“. Hier kann man zwischen Mai und Oktober zu einem guten Preis Ackerstreifen von entweder 50 oder 100 qm für eine Saison anmieten. Eine festgelegte Zahl an Gemüsesorten ist vorgesät, die ersten Meter des Streifens sind durch die Mieter frei bepflanzbar. Zum Ende der Saison wird das Feld geräumt. Die Lage ist toll: Unter freiem Himmel schweift der Blick schnell über die grünen Ruhrhöhen.

 

Unser Ackerstreifen Anfang/Mitte Mai 2016
Unser Ackerstreifen mit Blick auf das Ruhrtal (Mitte Mai 2016)

 

Ab Anfang Mai erhält man regelmäßig Newsletter mit wichtigen und aktuellen Infos und Tipps. Familie Weber steht einem mit Rat und Tat für weitere Fragen beiseite. Seit diesem Jahr (2016) erhält man im Hofladen je 50 qm ein Starter-Paket „Kräuter und Blumen“. Auch im Laufe der Saison kann man Setzlinge und Saatgut dort zum Nachpflanzen kaufen. Wasserstellen und Kompostlager werden eingerichtet, es gibt eine Hütte, in der Werkzeug zur Verfügung steht. Auch Rankgitter und Bambusstäbe werden jedem Feld für rankende Pflanzen wie Bohnen oder Erbsen bereitgestellt. Hunde sind grundsätzlich willkommen, sofern man auf den Schutz der Felder achtet und berücksichtigt, dass hier Lebensmittel angebaut werden! Positiv ist auch die Kooperation mit Foodsharing: Im Werkzeugschuppen am Anfang des Feldes findet man Infos zum Projekt und eine Sammelkiste für überschüssige Ernte.

 

Erste Ernte
Erste Ernte (Mai 2016)

 

Alles schießt – Unser Acker im Juli 2016

 

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Phacelia als wahrer Bienenfreund

 

Von dem Ergebnis bin ich positiv überrascht. Bisher reicht das geerntete Gemüse allemal für uns fünf. Der Gedanke entspannt, dass einem die erste Arbeit abgenommen wird und jedem selbst überlassen bleibt, wie viel Aufwand in die eigene Scholle gesteckt wird. Abhängig davon ist natürlich auch der Ertrag… Deutlich wird auch die Abhängigkeit der Landwirtschaft vom Wetter. Je nach Wetterlage kann es durchaus passieren, dass sich manche Gemüsesorten besser und andere schlechter entwickeln. Immer wieder ist es interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die ursprünglich identischen Felder gestaltet werden mit Pflanzen, Fußwegen, Bänken, Stühlen, Windrädern und mehr. Ein wenig kurios und etwas konservativ erscheint mir nach wie vor das Bild des Städters, der an den Stadtrand fährt, um dort emsig seine Scholle zu bewirtschaften. Man grüßt sich freundlich, ein bisschen entsteht ein Gefühl von Kleingartenidylle. Dennoch ist es toll zu sehen, mit wie viel Enthusiasmus und Mühe viele ihr Feld für eine Saison beackern. Sehr unterschiedliche Gruppen treffen dort aufeinander, Familien, Freunde, Singles, Studenten, junge Paare, Berufstätige, Rentner und viele mehr. Alle freuen sich über ihr kleines Stück grünes Glück und ein Stündchen oder zwei Flucht aus der Stadt.

 

Variationen einer Bank
Variationen einer Bank

 

Exotischer Freund
Exotischer Freund

 

Vielfalt
Grüne Vielfalt

 

Saisonal mietbare Ackerstreifen rundum Essen (Ruhr):

Oberschuirshof der Familie Weber in Essen-Schuir (Feldfreunde) – http://www.feldfreunde.de

Biohof Oberhammshof in Essen-Fischlaken (Bauer Günther Maas) – Mittelhammshof@aol.com

 

Bundesweit aktive Angebote:

Meine Ernte (in Essen-Kray auch am Bauernhof Mechtenberg) – http://www.meine-ernte.de

Ackerhelden (Partner von Bioland) – http://www.ackerhelden.de

 

Wie sind Eure Erfahrungen mit vorbestellten Ackerstreifen? Erntet ihr auch kindskopfgroße Kohlrabi oder ärgert ihr Euch über die magere Möhrenernte? Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen!

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