Open-Source Tomate Sunviva: Eine kleine Balkonrevolution

Unscheinbar steht die Sunviva auf meiner Fensterbank zwischen vielen unterschiedlichen Tomatenpflanzen: Cocktailtomaten, Fleischtomaten, Johannisbeertomaten. Alle im März ausgesät, recken sie jetzt im April ihre lichtdurstigen Blätter Richtung Sonne. Und doch ist die Sunviva etwas ganz Besonderes: Sie ist Deutschlands erste Open-Source Tomate.

Open-Source Tomate, was heißt das?

Der Begriff Open-Source, was so viel wie offene Quelle bedeutet, ist vielen aus dem Bereich der Informatik bekannt. Das unter Computerwissenschaftlern beliebte Betriebsprogramm Linux, das Datenbankverwaltungssystem MySQL oder der Browser Mozilla Firefox sind nur einige Beispiele von Open-Source Projekten aus der Informatik. Doch was hat dies alles mit der Sunviva Tomate auf meiner Fensterbank zu tun? Die Idee hinter der Open-Source Bewegung ist in ihren Grundzügen in der Informatik und in der Saatguterzeugung die gleiche.

  1. Jeder darf das Saatgut frei nutzen, es vermehren, weiterentwickeln, züchterisch bearbeiten und es im Rahmen bestehender Gesetze weitergeben.
  2.  Niemand darf das Saatgut und seine Weiterentwicklungen mit geistigen Eigentumsrechten wie Patenten und Sortenschutzrechten belegen.
  3. Jeder Empfänger überträgt zukünftigen Nutzern des Saatguts und seinen Weiterentwicklungen die gleichen Rechte und Pflichten.

Was unterscheidet das Saatgut der Open-Source Tomate von konventionellem Saatgut?

Die Regeln für Open-Source Saatgut scheinen so natürlich, dass man kaum glauben kann, dass es auch anders geht. Doch das meiste auf dem Markt käufliche Saatgut unterliegt einer Patentierung durch einen Saatgutkonzern wie z.B. Monsanto, oder Sygenta. Allein sie haben das Recht, das Saatgut der Pflanze zu gewinnen, dieses zu verkaufen und die Pflanze weiterzuentwickeln. Der Saatgutmarkt und parallel zu ihm auch der Markt für Pflanzenschutzmittel konzentriert sich immer stärker. Infolgedessen besteht die Gefahr eines weltweiten Saatgutmonopols. Gut erklärt und veranschaulicht wird diese fortschreitende Monopolisierung in der Grafik und Beiträgen der Heinrich Böll Stiftung.

Grafik: Heinrich Böll Stiftung
Grafik: Heinrich Böll Stiftung

Im Gegensatz zu den großen Konzernen vertritt die Bewegung Open Source Seeds die Meinung, dass Saatgut Gemeingut sein muss. Aus ihrer Sicht sollte jeder Bauer und jeder Gärtner das Recht haben Saatgut für die folgende Ernte zurückzubehalten und so weiterzuzüchten, dass es perfekt an seine Standortbedingungen angepasst ist. So soll die große Vielfalt der Kulturpflanzen geschützt und gefördert werden. Dieses Prinzip ist euch vielleicht schon von unserer Berichterstattung zum Saatgutfestival und über den Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt bekannt. Bisher haben sechs Pflanzen, drei Tomaten und drei Weizensorten, eine Open-Source Lizenz erhalten, die fortlaufend aktualisierte Liste, findet ihr hier.

Fakten zur Tomate Sunviva

Die Sunviva Tomate wurde  im ökologischen Freiland-Tomatenprojekt der Universität Göttingen entwickelt. Da die Sunviva als Freilandtomate gezüchtet wurde, ist sie im Gegenteil zu vielen ihrer wind- und wetterempfindlichen Genossen resistent gegen Braun- und Krautfäule. Vor dieser schlimmen Tomatenkrankheit sind wir bisher verschont geblieben. Wir mussten 2016 nur mit der Blütenendfäule kämpfen. Die Open-Source Tomate Sunviva bildet gelbe Früchte in kurzen gelben Trauben und ist sehr süß und saftig. Wie alle Tomaten braucht die Sunviva nährstoffreichen, humosen Boden und einen sonnigen Standort. Natürlich halten wir euch auf dem laufenden wie sich die Sunviva auf unseren Balkonen macht und wie uns ihre Früchte gefallen.

Wenn ihr neugierig geworden seid und im kommenden Jahr die Sunviva auch auf eurem Balkon einen Platz finden soll, könnt ihr das Saatgut bei CULINARIS Saatgut bestellen. Zwölf Samen der kleinen Balkonrevolution kosten 3,90 Euro.

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