Die Müll-Minimalistin

Am Anfang steht das Nein. Das ist der wichtigste und vielleicht auch der schwierigste Denkanstoß, den Bloggerin Shia Su mir mit ihrem Buch „Zero Waste – ist das neue Grün“ mit auf den Weg gegeben hat. Denn Nein-Sagen erfordert Mut, manchmal einige Erklärungen und insbesondere immer eine große Portion Freundlichkeit. Wer in unserer modernen Gesellschaft, weniger Müll verursachen möchte, der muss sich trauen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Denn nur, wenn ich den Kellner freundlich darum bitte, dass er mir keinen Strohhalm zu meinem Cocktail reicht, oder die Bäckerei-Fachangestellte nett frage, ob sie mir meine Brötchen direkt in meinen Leinenbeutel packt, kann ich mein Ziel erreichen.

Mehr Mut Nein zu sagen

Doch dieser Mut ist dringend notwendig – nach Angaben des Umweltbundesamtes verursachte jeder Bundesbürger im Jahr 2014 durchschnittlich eine halbe Tonne Verpackungsmüll. Rechnet man alle Privatpersonen zusammengenommen, ergibt das über 8,34 Millionen Tonnen Müll – das entspricht ungefähr dem Gewicht von 5,56 Millionen Kleinwagen. Insbesondere Kunststoffverpackungen erfahren einen enormen Aufschwung in unserer Gesellschaft, im Vergleich zum Jahr 1995 hat der Verbrauch von Kunststoffverpackungen um 1,39 Mio. Tonnen bzw. 89 % zugenommen.  Dazu tragen z.B. der steigende Konsum von Getränken in Kunststoffflaschen, in Folien verpacktes Gemüse oder der angestiegene Konsum von To-Go-Angeboten, wie der schnellen Portion Bratnudeln auf dem Nachhauseweg bei. Doch auch verstecktes Mikroplastik, im Gesichtspeeling oder der Zahnpasta, gelangen auf direktem Wege über den Wasserkreislauf in den Nahrungskreislauf von Fischen- und anderen Meeresbewohnern und so über kurz oder lang wieder auf unseren Tellern.

Zero Waste – Wo soll ich nur anfangen?

Wie bei so vielen Projekten ist auch beim Weg zum Müll-Minimalismus der erste Schritt der schwierigste. An erster Stelle steht erst einmal ein ungewohnter Kennen-Lern-Prozess: Während wir normalerweise den Deckel des Mülleimers so schnell wie möglich schließen, empfiehlt Shia in ihrem Buch: Augen auf, Zettel zücken und kritisch analysieren. Weitet man diesen Kennen-Lern-Prozess, auch auf den außerhaus produzierten und entsorgten Müll aus, wird schnell klar wo die größten Schwachpunkte liegen. Bei meinem Lieblingsgärtner und mir sind das vor allem die Lebensmittelverpackungen – mindestens ein bis zwei Mal die Woche tragen wir einen dicken gelben Sack zur großen Sammeltonne vor unserem Haus. Diese Säcke sind prall gefüllt mit Joghurtbechern, Gemüseverpackungen, Tetrapacks, Folien und anderen Kunststoffverpackungen, die während des Kochprozesses anfallen. Wir sind Feinschmecker, Vielkocher und Flexitarier. Obwohl wir nach eigenem Empfinden schon viele unverarbeitete Produkte nutzen, fällt unsere Verpackungsbilanz düster aus.

Was besitze ich überhaupt?

Neben voller Mülltonnen, stehen viele von uns auch vollen Küchenschränken gegenüber. Unsere Schränke sind voll mit Konservendosen, Nudel- und Reispaketen, Fläschchen, Tütchen und Pülverchen. Manches haben wir schon so lange aus den Augen verloren, dass es schon sein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat. Shia gibt in ihrem Buch einen klaren Hinweis: Schränke auf und Vorräte aufbrauchen. Das ist der Beste Weg um von vielverpackten Lebensmitteln auf unverpackte Varianten umzustellen. Und wie auch das Nein sagen erfordert diese Umstellung erst einmal etwas Mühe und Durchhaltevermögen. Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn die Umstellung auf mehr unverpackte Produkte führt zu einer wunderbaren Übersichtlichkeit und Ästhetik, wie sie uns auch in den Katalogen von Möbelhäusern und Wohnmagazinen fasziniert.

Zero Waste
©wastelandrebel.com
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Zero Waste einkaufen, ist das überhaupt möglich? 

Was das unverpackte Einkaufen sicherlich mit sich bringt ist eine Umstellung der Konsumgewohnheiten. Ich war immer überzeugte Adhoc-Einkäuferin: Anstatt Wocheneinkäufe zu machen und den Kühlschrank und meine Küchenschränke für viele Tage zu füllen, bin ich fast jeden Tag im Supermarkt unterwegs. Ich kaufe genau das worauf ich Lust habe, in den Mengen, die ich dazu brauche. Der Vorteil ist, bei uns fällt nur eine minimale Menge an Lebensmittelresten an, die wir entsorgen müssen, weil etwas verdorben ist. Der Nachteil ist, dass wir nahezu jeden Tag dem Einkaufsgewimmel ausgesetzt sind und uns so den ein oder anderen Impulskauf nicht verkneifen können. Weniger Verpackungsmüll mit nach Hause zu bringen, würde bedeuten, dass wir anstatt täglich in den Supermarkt um die Ecke zu gehen, die lose erhältlichen Waren für längere Zeiträume im Biomarkt oder auf dem Wochenmarkt kaufen müssten. Um das umsetzen zu können, müssen wir unseren inneren Schweinehund überwinden und nicht nur in unserem Quartier einkaufen, sondern auch den Weg ins Zentrum auf uns nehmen, wo sich in zahlreichen Biomärkten, deutlich mehr unverpackte Lebensmittel erstehen lassen. Besonders viel Glück haben die Menschen, die einen unverpackt Supermarkt in ihrer Umgebung haben. Shia führt auf ihrem Blog Wasteland Rebel eine fortlaufend aktualisierte Liste dieser innovativen Supermarktkonzepte, die in immer mehr Städten zu finden sind. Auf dem Land sind Unverpacktläden und große Biomärkte weniger verbreitet, dafür gibt es oft die Möglichkeit bei Bauernmärkten in der Region Lebensmittel verpackungsfrei zu erhalten. Ein weiterer Schritt hin zum minimalen Müllaufkommen ist die Herstellung eigener Produkte, wie zum Beispiel von Reinigungsmitteln, oder Kosmetikprodukten. Hier bietet das Buch eine Vielzahl von Ansätzen und Ideen, die mit sehr wenigen Inhaltsstoffen umsetzbar sind.

Zero Waste
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Für wen eignet sich das Buch „Zero Waste – Weniger Müll ist das neue Grün“?

„Zero Waste – Weniger Müll ist das neue Grün“  ist kein dogmatisches Werk das jeden Otto-Normalverbraucher beschämt, sondern es bietet eine unaufgeregte, unkomplizierte Übersicht wie jeder seinen persönlichen Müllberg besser in den Griff bekommen kann. Wer sich mit dem Thema Zero-Waste schon intensiv auseinander gesetzt hat, wird wahrscheinlich nicht allzu viel neues Lernen, aber er wird ein kompaktes Werk an die Hand bekommen, in dem die wichtigsten Rezepte vom A wie Allzweckreiniger bis Z wie Zero-Waste-Starterkit nachgeschaut werden können. Was ich mir als Wissenschaftlerin gewünscht hätte, wäre, dass Shia viele ihrer sicherlich mühsam und gut recherchierten Quellen mit einem Quellenverweis belegt hätte. Bei spannenden Fakten macht es mir einfach Spaß nachzulesen, wer die Statistiken erhoben hat und wie dies geschehen ist. Aber das ist sicherlich die Berufskrankheit einer Wissenschaftlerin und ehemaligen Journalistin. Für alle Zero-Waste-Anfänger ist Shias Buch ein sehr guter Einstieg, das Lust darauf macht, loszulegen. Für alle, die jetzt die neugierig geworden sind, hier die wichtigsten Fakten zum Buch:

  • Autorin: Shia Su
  • Titel: Zero Waste – Weniger Müll ist das neue Grün
  • Verlag: Freya Verlag
  • ISBN: 978-3-99025-273-4
  • Preis: 14,90 €

Erhältlich bei der Buchhandlung eures Vertrauens, allen gängigen Online-Händlern und natürlich auch im Geiste der Zero-Waste Bewegung als E-Book.

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